Sonntag 17. Dezember 2017

Inhalt:

Bericht 2017

Sommerdiskurs aus Wirtschaft, Recht und Kultur 2017:

„Die vierte Gewalt? - Medien, Wirtschaft und Politik"

 

2. - 4. August 2017 | Strobl/Wolfgangsee

 

 

Stefan Potschka

 

Der Sommerdiskurs aus Wirtschaft, Recht und Kultur in Strobl bot seinen TeilnehmerInnen auch heuer wieder vor der malerischen Kulisse des Wolfgangsees ein Forum des öffentlichen Diskurses und des Ideenaustausches. Gäste aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Medien setzten sich von 2. bis 4. August 2017 in einer Reihe von Diskussionen und Abendgesprächen mit dem diesjährigen Thema „Die vierte Gewalt? – Medien, Wirtschaft und Politik“ auseinander.

 

Nach einer Begrüßung durch den Organisator Franz-Stefan Meissel begann die dreitägige Veranstaltung mit zwei abendlichen Eröffnungsverträgen. Nikolaus Forgó, Professor für IT-Recht, und Daniel Schönberger, Leiter der Rechtsabteilung von Google Switzerland & Austria, unterstrichen mit ihren Reflexionen über Phänomene wie fake news, hate speech und filter bubbles die Aktualität des Themas. Die weiteren Podiumsdiskussionen bewiesen darüber hinaus seine vielfältige Relevanz. So widmeten sich die Gäste unter anderem der Frage nach „Public Value und Medienförderung“. Die Qualität von Journalismus werde nicht ausreichend gefördert, kritisierte etwa Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid. Zudem herrsche ein Ungleichgewicht zwischen Presseförderung und der Inseratenvergabe durch die Politik. Ebenso angeregt wurden die Grenzen von „Information, PR und Lobbying“ diskutiert. EU-Parlamentarier Othmar Karas appellierte dabei an die persönliche Verantwortung von PolitikerInnen und forderte mehr Lobbying in der Bevölkerung zugunsten der Europäischen Union. Schließlich fehlte es auch nicht an kulturellem Rahmenprogramm. Ein Kammerkonzert mit Mitgliedern der Wiener Philharmoniker erfüllte die Strobler Pfarrkirche mit Mozart und Schubert. Zum Ausklang konnte mit Hilfe von Kunsthistoriker Daniel Uchtmann und dem Direktor des Kunsthistorischen Museums Wien, Paul Frey, das Motiv des Voyeurismus in der Kunst ergründet werden.

 

 

 

 

Media and Politics in the Post-Factual Era

Monika Stempkowski

 

Auf eine Begrüßung der Anwesenden durch Univ.-Prof. Dr. Franz-Stefan Meissel folgte der Eröffnungsvortrag von Univ.-Prof. Dr. Nikolaus Forgó, Professor für IT-Recht und Rechtsinformatik an der Leibnitz Universität Hannover, und RA lic.iur. Dr. Daniel Schönberger, Head of Legal Google Switzerland & Austria, welcher unter dem Titel "Media and Politics in the Post-Factual Era" stand.

 

Prof. Forgó erläuterte das Phänomen der fake news anhand des Vorfalls, der unter dem Stichwort "PizzaGate" Berühmtheit erlangte. Emails von John Podesta, zum damaligen Zeitpunkt Wahlkampfmanager der demokratischen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton, wurden über die Plattform Wikileaks verbreitet. Fälschlicherweise wurde in sozialen Medien behauptet, die Emails enthielten Hinweise auf einen Kinderpornografie-Ring, welcher angeblich in einer Pizzeria betrieben wurde und in welchen auch Clinton verwickelt sei. Es ergingen unzählige falsche Meldungen mit diesem Inhalt, welche schließlich darin gipfelten, dass die betroffene Pizzeria von einem Mann mit einem Sturmgewehr attackiert wurde.

 

Bis zum heutigen Tag werden pro Stunde in etwa 100 Tweets abgesetzt, die den Hashtag #pizzagate enthalten. Facebook war eine der größten Plattformen für die Verbreitung dieser Falschinformationen. Prof. Forgó wies in diesem Zusammenhang auf die sogenannten filterbubbles oder echo chambers hin. In sozialen Netzwerken eingesetzte Algorithmen führen dazu, dass primär jene Informationen angezeigt werden, die der Meinung des Users entsprechen, während davon abweichende Informationen nicht präsentiert werden. Zusätzlich zeigen Untersuchungen, dass junge Menschen zwar allgemein weniger Interesse an Nachrichten haben, gleichzeitig diese aber primär über Onlinequellen konsumieren. Aus einer juristischen Perspektive betrachtet vertrat Prof. Forgó die These, dass der Gesetzgeber weder die Fundamentalität, noch die Geschwindigkeit oder die Auswirkungen der momentan stattfindenden Entwicklungen verstünde und daher die bisherigen Reaktionen unausreichend wären. Schließlich ging er auf das erst kürzlich in Deutschland verabschiedete „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“ ein, welches die Provider von sozialen Netzwerken, welche mehr als zwei Millionen registrierte Nutzer in Deutschland haben, verpflichtet, offensichtlich rechtswidrigen Inhalt binnen 24 Stunden zu löschen, da ansonsten Strafen bis zu 50 Millionen Euro drohen.

 

Auch Dr. Schönberger baute seinen Vortrag rund um die Themenfelder fake news, hate speech und filterbubbles auf. Er wies auf die Schwierigkeit hin, wer online die Deutungshoheit darüber haben sollte, was Wahrheit ist: die Provider? Wahrheitsalgorithmen, welche vielleicht staatlich genehmigt werden? Ein weiteres großes Problem stellen Hasskommentare dar, welche online häufig rassistische, sexistische oder sonstige herabwürdigende Inhalte hätte. Vor etwa einem Jahr hätten sich die großen Provider von sozialen Netzwerken einen code of conduct gegeben, welcher Richtlinien für den Umgang mit Hasskommentaren enthält. Diese Maßnahme wurde vor kurzem von der Europäischen Kommission evaluiert und würde vielversprechende Ergebnisse zeigen. Dr. Schönberger sprach sich somit für die Selbstregulierung als Mittel der Wahl aus. Die Gefahr an Gesetzen wie dem eben in Deutschland erlassenen sei, dass die Provider aus Angst vor Sanktionierungen zu viele Kommentare löschen und damit in die freie Meinungsäußerung eingreifen würden. Von dieser seien ja auch provokante und in gewissen Rahmen beleidigende Äußerungen erfasst, hier käme es immer auf die Berücksichtigung des Kontextes an. Wesentlich sei die Stärkung der Medienkompetenz, zumal jeder selbst entscheiden könne und müsse, welche Medien er konsumieren möchte.

 

Im Anschluss an die Vorträge folgte eine lebhafte Diskussion mit Fragen aus dem Publikum.

 

 

 

 

Totgesagte leben länger – Sozialpartnerschaft in der öffentlichen Wahrnehmung

Julius Schumann


Mit der bewusst provokanten Aussage „Totgesagte leben länger“ eröffnete Univ.-Prof. Dr. Dr. Oliver Rathkolb vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien sein Impulsreferat am Podium, das zum Thema „Sozialpartnerschaft und Öffentlichkeit“ am ersten Vormittag des Sommerdiskurses stattfand.  Mit ihm diskutierten Dr. Thomas Neumann, stv. Generaldirektor der SVA der Gewerblichen Wirtschaft, sowie Mag. Silvia Hruška-Frank, stv. Leiterin der Abteilung Sozialpolitik der Arbeiterkammer Wien. Geleitet wurde die Diskussion von ao. Univ-Prof. Dr. Michaela Windisch-Graetz vom Institut für Arbeitsrecht der Universität Wien.

 

Rathkolb zeichnete in seinem Impulsreferat die Entwicklung der Sozialpartnerschaft in der zweiten Republik nach und hob deren besondere Bedeutung in der Zeit des Kalten Krieges als stabilisierender Faktor innerhalb der Gesellschaft hervor. Jedoch wies er daraufhin, dass schon in den 1990er Jahren die Sozialpartnerschaft zunehmend in die Kritik geriet und die Frage nach ihrer Zukunft laut wurde. Eine Frage, die – so Rathkolb – heute eine „Neuverhandlung ihrer Geschichte“ notwendig mache. Das medial propagierte Ende der Sozialpartnerschaft sieht er damit jedoch nicht.

 

Die Sozialpartnerschaft habe vor allem das Problem, dass sie nicht greifbar sei. Es mangle an Bildern, stellte Hruška-Frank fest. Das liege natürlich unter anderem daran, dass die besondere Gesprächskultur der Sozialpartner auch Vertraulichkeit bedeute. Nichtsdestoweniger wären Gesetze wie das Arbeitsverfassungsgesetz ohne die intensiven Verhandlungen der Sozialpartner kaum möglich gewesen. Im Vergleich mit anderen europäischen Staaten habe das Modell der Sozialpartnerschaft in Österreich den erheblichen Vorteil, dass aufgrund „großer Player“ auf beiden Seiten, klar sei, mit wem zu verhandeln sei. Ein Vorteil, der sozialen Frieden in der Gesellschaft mit sich bringe, was auch den Wirtschaftsstandort Österreich stärke.

 

Mehr ein grundsätzliches Problem innerhalb der Sozialpartnerschaft sieht hingegen Neumann. „Die Lage ist ernst“, hält er gleich eingangs fest. In Zeiten der Kürzungen tue man sich schwer in allen Belangen gemeinsame Nenner zu finden. Auch zeige sich vor allem an den Werbeausgaben der Sozialpartner, die ein hohes Budget für Eigenwerbung nicht aber für die Sozialpartnerschaft als solches aufwenden, dass es am Blick für das Gemeinsame fehle. Darüberhinaus finde er die heutige, mangelnde parteipolitische Unabhängigkeit der einzelnen Organisationen der Sozialpartner, die eigenständige Verhandlungen zwischen den Sozialpartnern erschwere, problematisch. Neumann sieht die Lösung darin, dass sich die Sozialpartner wieder auf das Erarbeiten von Lösungsvorschlägen zurückziehen und der Regierung die Entscheidung in Form von Gesetzen überlassen.

 

Dass das Thema kein Thema ist, welches lediglich die Proponenten und Proponentinnen am Podium beschäftigte, zeigte sich an einer im Anschluss geführten, intensiven Diskussion im Plenum. Der Gastgeber des Sommerdiskurses Univ.-Prof. Dr. Meissel wies auf den medialen Druck hin, unter dem die Sozialpartner stehen. Zudem meldete sich Univ.-Prof. Dr. Schrammel vom Institut für Arbeitsrecht der Universität Wien zu Wort und zeigte die schwindende Mitgliederzahl der Gewerkschaften auf, die auch damit zu tun habe, dass sich manche Berufsgruppen nicht ausreichend vertreten fühlen. Dr. Paul Frey, kaufmännischer Direktor des KHM, stellte dabei die Frage, ob nicht gar ein Paradigmenwechsel von der Vertretung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf zentraler Ebene hin zu einer Vertretung auf betrieblicher Ebene eintrete.

Als Zukunftsfragen sahen die Podiumsgäste vorrangig das Thema Bildung sowie die Frage der Lohnnebenkosten an. Hruška-Frank betonte zudem die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Teilhabe von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die man als Verlierer der Digitalisierung bezeichnen kann. Die Diskussion zeigte, dass es der Sozialpartnerschaft nicht an Themen mangelt, für die Zukunft braucht es jedoch eine Neugestaltung ihrer Rolle.

 

 

 

 

Investment Arbitration: Ihr schlechter Ruf und der Realitätencheck

Antonia Cermak


Schließen Schiedsgerichte die Öffentlichkeit aus? Sind die Kosten der Verfahren zu hoch? Und verlieren die Nationalstaaten durch sie sogar ihre Kontrollfunktion? Die Investitionsschiedsgerichtsbarkeit steht in der Kritik der Medien. In Österreich wurde das Thema vor allem im Zusammenhang mit den Freihandelsabkommen TTIP und CETA medial beleuchtet. In dem Workshop „True Lies: Desinformation and How to Cope with it“ haben sich die TeilnehmerInnen unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Ursula Kriebaum mit der geäußerten Kritik auseinandergesetzt. Ausgangspunkt waren zwei Artikel der englischsprachigen Medien The Guardian und The Economist, die die Intransparenz der Schiedsgerichte anprangerten. Die TeilnehmerInnen des Workshops schlüpften in die Rolle der JournalistInnen und unterzogen den Zeitungsartikeln einen „Fact Check“. Dazu setzten sie sich mit dem CETA-Vertragstext auseinander, durchforsteten Online-Datenbanken und fanden sogar einen Live-Stream zum berühmten Vattenfall-Case. Es stellte sich heraus, von Intransparenz kann keine Rede sein. Fazit: Auch Kritiker müssen sich Kritik gefallen lassen.

 

 

 

 

Das genaue Hinschauen

Ein Kunsthistorisches Gespräch mit Daniel Uchtmann: Voyeurismus: Eine Macht im Verborgenen

Maria Sagmeister

 

Genau hinschauen, verschiedene Blickpunkte erkennen und einnehmen können, das sind wichtige Fähigkeiten für Jurist_innen und bilden zugleich das Handwerkszeug der Kunstgeschichte. Interdisziplinarität ist einer der größten Vorzüge des Sommerdiskurses in Strobl, das zeigte auch Daniel Uchtmann vom Kunsthistorischen Museum, indem er vorführte, wie durch eingehende Betrachtung in einem Gemälde Verborgenes sichtbar wird. Thema des dreitägigen Diskurses waren die Medien als vierte Gewalt im Staat und so fügte sich Uchtmanns Vortrag mit dem Titel „Voyeurismus“ perfekt ein. Das KHM verfügt über ein Meisterwerk, das hierzu passt wie die Faust aufs Auge: Tintorettos Susanna im Bade (1555/56). Neben dem motivischen Bezug machte auch der juristische Einschlag der Ikonografie den Vortrag für die Zuhörer_innen interessant. Die beiden Alten, die Susanna beim Baden beobachten und nach einem erfolglosen Vergewaltigungsversuch verleumden sind Richter. Der Prozess um Susannas angeblichen Ehebruch sowie die Falschaussagen der Alten sind Teil der Geschichte, die das Bild erzählt. Ideal gewählt! Doch wäre das so mancher Betrachterin entgangen, denn die Ikonografie, deren Verständnis so wesentlich für den Spannungsaufbau der Bildkomposition ist, ist heutzutage wenigen bekannt, und das Gemälde zeigt nur einen Ausschnitt daraus. Susanne sitzt in der unteren rechten Bildhälfte an einem Wasserbecken und betrachtet sich im Spiegel, vorne links hinter einer Hecke lugt ein Alter zu ihr hinüber und präsentiert der Betrachterin seine Glatze. Im Hintergrund der zweite Alte und eine sich verjüngende Landschaft. Es bedurfte der Übersetzung des Kunsthistorikers, um die Geschichte zu verstehen und die zahlreichen Symbole zu deuten. Daniel Uchtmann legte den Schwerpunkt seiner Betrachtung auf die Inszenierung von Intimität in diesem Bild, und spannte dadurch einen eleganten Bogen zu zeitgenössischen visuellen Diskursen – denn um was, wenn nicht darum, Intimes in Szene zu setzen geht es auf Social Media Kanälen? Dort heischt man um Aufmerksamkeit und getreu dem Motto „Sex sells“ lässt sich diese mit nackten Körpern erzielen. Das wussten auch die Maler_innen des 16. Jahrhunderts, die unter dem Mäntelchen von Susannas Tugendhaftigkeit dieses Motiv auch deswegen wählten, weil es die Gelegenheit zum Akt bietet. Von außen, und mit dem nötigen Wissen über die Ikonografie, den Kontext und kompositionelle Kunstgriffe, kann vieles in diesem Gemälde erkannt werden. Um die Vielschichtigkeit von visuellen Diskursen zu entwirren, muss die Betrachterin einen Schritt zurück zu machen, sich einen Überblick verschaffen und womöglich noch etwas recherchieren, bevor geurteilt wird – sei es um ein 500-jähriges Gemälde zu entziffern oder sich – zum Diskursthema zurückzukommend – vor Fake-News zu schützen.

 

 

 

 

Public Value und Medienförderung: Verfassung – Meinungsvielfalt – Gesellschaft

Günther Michael Schaunig

 

Kenntnisreiche Impulsreferate und eine lebhaft-heitere Podiumsdiskussion zu den Qualitätsdimensionen der österreichischen Rundfunk- und Medienlandschaft unter dem Motto „Public Value und Medienförderung“ führten den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Sommerdiskurses sowohl die Vielschichtigkeit als auch die Aktualität des Themenkomplexes vor Augen. Unter der Moderation von Univ.-Prof. Dr. Nikolaus Forgó (Leibniz Universität Hannover) diskutierten Mag. Hannah Berger (Vienna Doctoral Academy/Österreichischer Verfassungsgerichtshof), Dr. Alexandra Föderl-Schmid (Der Standard), Dr. Alfred Grinschgl (RTR GmbH), Dkfm. Helmut Hanusch (News GmbH), SC Dr. Gerhard Hesse (Bundeskanzleramt – Verfassungsdienst) und Hon.-Prof. Dr. Andy Kaltenbrunner (Medienhaus Wien).


Einleitend gewährte Hannah Berger Einblicke in die verfassungsrechtliche Bedeutung von Public Value im Rahmen des Österreichischen Rundfunks und nahm zunächst den auf umfassende Meinungsvielfalt gerichteten öffentlichen Auftrag des ORF in den Fokus. Anders als die anlassbezogene und weit geringere Förderung privater Medienunternehmen erhalte der ORF rund EUR 600 Mio Fördergelder pro Jahr. Durch diese Finanzkraft komme es zu einer Dominanz am Markt. Weil darüber hinaus aus grundrechtlicher Sicht die Erbringung von Public Value nicht spezifisch vorgegeben werden könne, müsse der ORF – auch für private Unternehmen – „als Leitmedium“ dienen.


Alexandra Föderl-Schmid bejahte die von Hannah Berger betonte Konkurrenzsituation mit dem Blick auf den heimischen Print- und Onlinemarkt von Tageszeitungen. Mit lediglich 13 Tageszeitungen befinde man sich zudem in einem sehr konzentrierten Markt. Nach einer aktuellen europaweiten Studie sei der Anteil der Printmedien mit 61% im Vergleich zum Onlinemarkt in Österreich am höchsten. Hier wie dort stelle sich allerdings aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht – und dies „täglich neu“ – die Frage, was der beste Kanal sei, um eine Nachricht über die Medien zu transportieren.


Gerhard Hesse wies aus dem Blickwinkel der im Europavergleich sehr geringen Presseförderung von rund EUR 8 Mio auf die seit einiger Zeit laufende Reformdiskussion hin. Die Reform der Presseförderung sei gleichsam ein „Untoter“: Die derzeit vertriebslastige Förderung solle nach dem Reformdiskurs einerseits plattformneutral (Print bzw. Online) und andererseits inhaltsbezogen sein. Neben der Moderation von Foren zur Bekämpfung von Hasspostings könne man etwa verstärkt auf die Förderung von Diversität im Rahmen zweisprachiger Artikel setzen. Hesse trat schließlich – als GIS-Alternative – für eine Haushaltsabgabe ein, weil diese die Konvergenz steigere.


Alfred Grinschgl betonte zunächst die Medienvielfalt in Österreich: „Es gibt eine vierte Gewalt“. Dies wüssten wir erst dann zu schätzen, wenn wir in einem Land lebten, wo es diese Vielfalt nicht gäbe. Darüber hinaus wies er auf die Vorteile der für den ORF bestehenden staatlichen Förderung hin. Die RTR spiele in der heimischen Medienlandschaft auch eine wesentliche Rolle als „Transparenzdienstleister“: Durch die Offenlegung von Förderstatistiken werde zudem der Wettbewerb im Rahmen der österreichischen Medienlandschaft gefördert. Auch Grinschgl hob schließlich die Vorteile einer Haushaltsabgabe hervor.


Aus Unternehmerperspektive verwies Helmut Hanusch auf den hohen Mediendruck aus Deutschland und der Schweiz. Trotz mangelnder Sprachkonkurrenz sei zudem die Presseförderung etwa in skandinavischen Ländern um „ein Vielfaches“ höher als in Österreich – es gebe also hierzulande Luft nach oben. Förderung müsse zudem mit Wettbewerbsgerechtigkeit einhergehen: Hier machte Hanusch auf die unterschiedlich hohen Umsatzsteuersätze für Print- und Onlineabonnements aufmerksam: „Das versteht niemand.“


Andy Kaltenbrunner plädierte dafür, die Förderungen im Rahmen der Medienlandschaft in einen weiteren Kontext zu stellen. So gehe es nicht an, dass bei einer Presseförderung von jährlich rund EUR 8 Mio die öffentliche Hand (Beispiel: Gemeinde Wien) gleichzeitig EUR 200 Mio jährlich für – insbesondere politische – Werbung ausgebe: „Wenn Medien ein Rückgrat der Demokratie sein sollen, hat die österreichische Medienförderung versagt“, so Kaltenbrunner unter kritischem Hinweis auf das gezeigte Missverhältnis. Durch die Transparenzrichtlinien wisse man etwa –  so Alfred Grinschgl die Problematik bejahend –, dass die Gemeinde Wien mehr ausgebe als alle Ministerien zusammengerechnet. In Ansehung der derzeit bestehenden Situation trat Kaltenbrunner im Ergebnis für eine verstärkte wissenschaftliche Aufarbeitung des Themenkomplexes ein: Nur so könne vernünftiger Mitteleinsatz verbunden mit vernünftiger Regulierung stattfinden. In diesem breiten Kontext trage auch der grundsätzlich für Qualitätssicherung stehende ORF – hier schloss sich für die interessierte Zuhörerschaft der Kreis zum Anfangsreferat von Hannah Berger – eine „gesellschaftliche Verantwortung“.


Beim Moderator Nikolaus Forgó löste das Jonglieren mit Zahlen (EUR 600 Mio, EUR 200 Mio, EUR 8 Mio) vor allem ein „Kopfschütteln über die krassen Relationen“ aus. „Transparenz erzeugt Rationalität“, so sein philosophisch-prägnantes Résumé.

 

 

 

 

Workshop – “Fact Checking”
Katharina Auernig


Parallel zur Podiumsdiskussion fand am Donnerstagvormittag ein von Hon.-Prof. Dr. Andy Kaltenbrunner und Dr. Daniela Kraus in englischer Sprache abgehaltener Workshop statt. Das Thema – „Fact Checking“ – klang vielversprechend und die Teilnehmenden wurden nicht enttäuscht. Die Studierendengruppe, die sich aus mehreren Nationen (darunter China, Großbritannien, Österreich und die Ukraine) zusammensetzte, veranlasste die beiden Vortragenden zunächst, die Rolle von JournalistInnen und deren Arbeit in unterschiedlichen Teilen der Welt zu diskutieren.


Im Anschluss daran widmete sich die Workshop-Gruppe zur Einführung in das Kernthema dem Themenkomplex der sog. „Fake News“. Beginnend mit der aufgeworfenen Frage, wie „Fake News“ zu definieren seien – was durchaus unterschiedliche Antworten der Teilnehmenden hervorbrachte – leiteten die beiden Vortragenden anschließend zu einer interaktiven Aufgabe über, die in Gruppenarbeit zu erfolgen hatte. Bevor demnach mit dem „Fact Checking“ begonnen werden konnte, sollten die Studierenden zunächst die Perspektive wechseln und versuchen, selbst „Fake News“ zu produzieren. Eine von ABC-News angekündigte Dokumentation mit bisher unveröffentlichten Videoaufnahmen von Lady Diana sollte den Teilnehmenden dabei als Basis für die Produktion ihrer „Fake News“ dienen. Jede Gruppe hatte dabei ein anderes „Genre“ zu bedienen, das von einem Boulevardmedium über eine Satirezeitschrift bis hin zu einer auf Falschinformationen spezialisierten Website reichte. Die vierte Gruppe hatte eine Presseerklärung des englischen Königshauses zu diesem Thema vorzubereiten – freilich ebenso ohne relevante Informationen zum Inhalt der Dokumentation zu besitzen.

 

Die entworfenen Texte wurden von den einzelnen Gruppen vorgestellt und dienten in weiterer Folge als Vorlage für die eigentliche Frage, in welcher Weise der/die LeserIn nunmehr überprüfen könne, ob und inwieweit der Inhalt eines (journalistischen) Artikels der Wahrheit entspreche. Diskutiert wurden dabei „herkömmliche“ Methoden, wie etwa der Vergleich mit anderen – aus Sicht des Konsumierenden vertrauenswürdigen – Medien, sowie auch professionelle „Fact Checking“-Initiativen, die zumeist über eine Internetplattform die Möglichkeit der Überprüfung eines veröffentlichten Textes bieten. Die Studierenden verließen den interaktiven Workshop schließlich mit einer Reihe von bereitgestellten Links sowie mit zahlreichen Hinweisen auf weiterführende Literatur.

 

 

 

 

„Zwischen Information, PR und Lobbying“

Julian Pehm

 

Die letzte Session des Sommerdiskurses 2017 stand im Zeichen von „Information, PR und Lobbying“. Unter der Moderation von Klaus Taschwer, Wissenschaftsredakteur der Tageszeitung „Der Standard“, diskutierte ein ausgewähltes Podium aus unterschiedlichen Perspektiven die praktischen Herausforderungen bei der heutigen Öffentlichkeitsarbeit.


Zunächst gab Saskia Wallner, CEO bei Ketchum Publico, Einblicke in die Tätigkeitsbereiche einer modernen Kommunikationsagentur: Public Relations, so Wallner, seien heutzutage weit mehr als bloße Medienarbeit. Neben klassischer Berichterstattung („earned media“) würden vor allem unternehmenseigene Medien und soziale Netzwerke eine immer größere Rolle spielen. Das Arbeitsfeld habe in den vergangenen Jahren eine deutliche Veränderung durchlaufen.


Diesen Befund teilte auch Josef Schmidinger, Verantwortlicher der Erste Bank für den Bereich Wohnbau und Geschäftsführer der Wohnbauinvestitionsbank, der von seinen Erfahrungen aus Unternehmenssicht berichtete. Vor allem die zahlreichen gesetzlichen Publizitätsanforderungen an börsennotierte Unternehmen hätten diese in ihrer Kommunikation vorsichtiger gemacht. Die Informationswiedergabe und Public Relations seien heute bei der Erste Bank zwei getrennte Bereiche.


Paul Frey, Geschäftsführer des KHM-Museumsverbands, wies auf die Besonderheiten bei der Öffentlichkeitsarbeit im Non-Profit-Sektor hin. Insbesondere die Bewertung der Kommunikationserfolge sei bei öffentlichen Kulturinstitutionen oft schwierig. Auch Lobbying kommt für ihn als Direktor eines öffentlichen Museums nicht in Frage: Der Minister würde sich wohl fragen, warum er, Frey, seinen Vorgesetzten nicht selbst anrufe, scherzte er.


Das Stichwort „Lobbying“ griff Taschwer auf und fragte Othmar Karas, Mitglied des Europäischen Parlaments, wie er als Politiker mit Lobbying umgehe. Karas berichtete, dass er als Parlamentarier darauf angewiesen sei, mit vielen Menschen zu sprechen um informierte und wohl abgewogene Entscheidungen zu treffen. Lobbyisten würden sich so am demokratischen Meinungsbildungsprozess beteiligen und erfüllten grundsätzlich eine legitime Rolle. Entscheidend ist für Karas jedoch ein verantwortungsvoller Umgang der Politikerinnen und Politiker sowie Transparenz. Karas betonte zudem einen weiteren wichtigen Aspekt: Nicht nur Unternehmen, auch die Politik würde Lobbying dringend benötigen. Vor allem die EU leide an einem Mangel an „Europäischer Öffentlichkeit“. Er selbst sehe sich als unermüdlichen Lobbyisten für Europa und für seine Arbeit. Der Politiker warnte jedoch eindringlich vor zu einfachen Botschaften und verkürzten Darstellungen, wie sie in der Unternehmens-PR unzweifelhaft erfolgreich seien. Eine solche „Stimmungsdemokratie“ führe letztlich zu Populismus. Er plädierte vielmehr dafür, auch Verständnis für andere Meinungen zu schaffen – nur so könne man auch Verständnis für die eigene Position erwarten. Dafür brauche es verantwortungsvolles Lobbying und PR.

 

 

 

Fake News - What we can learn from John Boyd!

Markus Reisner

 

Knapp über vierzig angehende junge AkademikerInnen aus allen fünf Kontinenten fanden sich ein, um einem Angehörigen des Militärs zuzuhören, was dieser zur Thematik Fake News zu sagen hatte. Tatsächlich ist die Materie brandaktuell und die aktuelle Medienlandschaft ist voller warnender Berichte zum Thema. Wirft man einen Blick auf Google Books NGram Viewer so stellt man fest, dass der Begriff in seiner Bedeutung seit den 1990er Jahren bis heute ständig ansteigt. Tatsächlich ist dieser Anstieg aber nicht neu. Ende der 1930er und Anfang der 1940er war der Begriff ebenfalls in aller Munde. In einer Zeit also, in der die Welt am Rande des Abgrundes stand.

 

Das Militär nähert sich dem Begriff wertneutral. Militärische Auseinandersetzungen können in den Domänen Land, Luft, Wasser und Weltraum stattfinden. Erst kürzlich definierte das US-Militär (und diesem Zugang folgten auch alle anderen internationalen Streitkräfte) den Cyber-Raum als fünfte Domäne der Konfliktausübung. Spätestens damit ist der Kampf um und mit Information in der Kriegführung institutionalisiert. Die StudentInnen erlebten dies unmittelbar in der Form eines Experiments. Eingeteilt in zwei Gruppen hatten sie als „gute“ Cyberbots und „bösartige“ Trolls gegeneinander anzutreten. Aus Theorie wurde somit erlebte Praxis.

 

Schnell wurde klar, das Fake News auch zur „Waffe“ werden können. Als Bestandteil von sogenannter Information Warfare, die darauf abzielt, dass Denken des Gegenüber in eine bestimmte Richtung zu lenken. In kurzen Präsentationen konnten die StudentInnen darstellen, welche Ideen sie selbst entwickelt hatten, um den jeweiligen Gegenüber, also Cyberbot oder Troll zu überlisten und zu neutralisieren. So entstand ein Basisverständnis für die Herausforderungen, die der Kampf um Information im digitalen Umfeld mit sich bringt und wie man darauf reagieren kann.

 

Als individueller Lösungsansatz für den eigenen Umgang mit Fake News wurde vom Vortragenden das Konzept von John Boyd vorgestellt. Dieser arbeitete in seiner Funktion als Offizier der US-Luftwaffe daran, wie die Leistungsfähigkeit von Jagdflugzeugpiloten während des Zweiten Weltkrieges verbessert werden konnte. Diese standen (und stehen bis heute) vor der Herausforderung in äußert kurz bemessener Zeit sinnvoll umsetzbare Entscheidungen treffen zu müssen.

 

John Boyd definiert einen Entscheidungsfindungskreislauf welchen er in die Teilsegmente Observe, Orient, Decide und Act einteilte. Dabei wird eine potentielle Lagenentwicklung (also z.B. eine mögliche Bedrohung durch ein gegnerisches Jagdflugzeug) beobachtet, eine Eigenorientierung (z.B. hinsichtlich Entfernung und Distanz zum Gegenüber) angestellt, daraus resultierend ein Entschluss getroffen und diese schließlich in eine Handlung umgesetzt. Dieser Prozess ist heute in vielen Streitkräften etabliert und stellt eine einfache Handlungsanweisung dar, um rasch eine Entscheidung treffen zu können.

 

In Anbetracht des Umstandes, dass ein Nutzer der digitalen Welt nahezu rund um die Uhr mit Informationen aus unterschiedlichen Kommunikationskanälen (z.B. Facebook, Twitter, What´s App, Snap Chat, Instagram usw.) bombardiert wird, ist es schwierig den Überblick und den Abstand zu wahren. Man neigt dazu Nachrichten unreflektiert zu teilen oder schlichtweg als „wahr“ zu betrachten. John Boyd´s Konzept kann dazu dienen, die ankommenden Nachrichten in einem kurzen Entscheidungsprozess kritisch zu beleuchten und hilfreiche Maßnahmen zu treffen.

 

Die StudentInnen nahmen das Konzept mit Interesse auf und in einer abschließenden Eigenreflektion wurde allen bewusst, dass man auch selbst Teil einer möglicherweise groß angelegten Desinformationskampagne sein kann. Man übernimmt die Rolle eines Multiplikators, welcher in kurzer Zeit hunderte bis tausende andere Menschen erreichen kann. Es herrschte breite Zustimmung, dass diesem Umstand mit höchster Sensibilität und einem Maximum an Verantwortung begegnet werden muss. Und dabei ist es am besten bei sich selbst zu beginnen.

 

 

 

Innovationszentrum Universitaet Wien GmbH - Sommerhochschule
Campus of the University of Vienna | Alser Strasse 4/Hof 1/Tuer 1.16 | 1090 Vienna | Austria
http://shs.univie.ac.at/